Er nannte
es "mein Meer".
Das bewaldete Val Sarmassa, eingebettet in der Landschaft des Alto Monferrato
im Piemont. "Mein Meer" ist die Heimat von Davide - Lajolo (1912-1984),
Schriftsteller, Chefredaktorr und Politiker. Inmitten dieser Einsamkeit,
zwischen Asti und Alessandria, liegt sein Geburtsort das Dörfchen Vinchio,
dem er zeitlebens tief verbunden war. In Erinnerung geblieben ist Lajolo
dort auch als Partisanenführer. Unter dem Decknamen "Ulisse,"
(Odysseus) kämpfte er in den letzten beiden Jahren des Zweiten Weltkrieges
im Val Sarmassa für die Freiheit seiner Heimat.
Heute präsentiert sich das bäuerische Vinchio, ein 730-Seelen--Dorf,
nicht viel anders als zu Lebzeiten Ljolos, denn es ist ein von Touristen
unberührter Flecken geblieben. Die aromatisch, duftenden Schätze
des Piemonts sind allgegenwärtig. Hier, im Herzen des Weingebiets Barbera
d'Asti, wachsen auch die weissen Trüffel, die besten Trüffel Italiens,
behauptet Beppe Reggio. Der 65-jährige Beppe ist "Trifolao",
sprich Trüffelsucher, und seit mehr als einem halben Jahrhundert im
Geschäft. Die Geheimnisse dieser "Kunst" hat er traditionsgemäss
von seinem Vater übernommen. Beppe macht einen munteren, leicht clownesken
Eindruck. Sein dichtes, schwarz gefärbtes Haar und der gesunde Teint
verraten sein Alter nicht. Vielleicht liegt dies auch daran,
dass er nachBekunden täg lich drei FlaschenBarbera trinke.
Auf der
Suche nach dem "Mozart der Pilze"
Wir treffen Beppe in seinem eigenen umzäunten Waldabschnitt. Eine
auf die Trüffelsuche abgerichtete Mischlingsliündin macht sich
bellend auf die Suche, rennt von Baum zu Baum und schnüffelt eifrig
in der feucht duftenden Erde. Aber Beppe scheint ebenso gut zu spüren,
wo "der Mozart der Pilze" liegt, wie Gioaechino Rossini dieses
Kleinod definierte. Denn Beppe kennt jeden Flecken in seinem lichten,
an einem Hang gelegenen Waldstück; dort, wo unter der Walderde die
knoligen Schlauchpilzee in Symbiose mit dem Wurzelgeflecht von Eichen,
Pappeln und Weiden gedeihen.
Noch heute ist die Trüffelsuche von einer geheimnisvollen, legendenumrankten
Aura umgeben: Wenn die "Trifolai". in feuchtkühlen Herbsnächten
mit ihren Hunden auf der Pilzpirsch die Wälder durchstreifen, ist
jeder sich selbst der Nächste, auch Beppe. Denn schlieslich haben
100 g dieser hoch aromatischen Delikatesse einen lokalen Marktwert von
ungefähr 50 bis 150 Euro. In der Schweiz freilich sind die Preise
für diese Trüffelsorte noch bedeutend höher.
Die Leichtigkeit
der "Friciula"
Wo die weisse Trüffel spriesst ' ist auch die rote Traube nicht weit.
Die reifen Barbera-Trauben schimmern im warmen Abendlicht. Erschöpft
kehrt die Familie Brovia von der Wein- 1 lese zu ihrer "Azienda Agrituristica"
zurück. Auf der Collina San Michele bei Vinchio liegt das familiäre
Agriturismo der Brovias, ein touristisch genÜtzt es Landgut, das
Luigi Brovia vor zwölfJahren eröffnete. Anders als die meisten
Agriturismi im Piemont, die im Tal angesiedelt sind, liegt dieser Kleinbetrieb
auf einem, Hügelzug. Von hier aus bietet sich ein prächtiger
Blick auf Lajolos "grünes Meer".
Mutter, Vater, Tochter, Sohn und Tante führen nebst dem Weinbau diesen
kleinen Hotelbetrieb mit einer persönlichen Note und vorsichtigen
Herzlichkeit, die das Wohnen und Essen zur Freude machen. Hier lässt
die Kochkunst jede Kalorienzählerei vergessen. Wir genehmigen uns
ein mehr gängiges Nachtessen mit regionalen Spezialitäten. Kreiert
hat es Sohn Fabrizio, der unter anderem auch in der Küche des "Palace
Hotels" in St. Moritz als Koch wirkte. Gefährlich ist seine
"Friciula", ein Apèrogebäck aus Brotteig und Olivenöl
mit frischem Rosmarin. Einen Teller davon im Nu zu verzehren, ist eine
Leichtigkeit. Oder wie sagte schon der Dichter und Italien?Liebhaber Oscar
Wilde: "Ich kann allem widerstehen, ausser der Versuchung."
Super
Barbera angekündigt
Fabrizios Schwester Virna, die 33 jährige Managerin des Betriebes,
serviert uns eine Flasche Vigne Vecchie Jahrgang 1997es ist ein Barbera
d'Asti Superiore DOC gekeltert aus handverlesenen Trauben, die von den
besten und sonnigsten Lagen stammen. Produziert wird dieser gehaltvolle
und dennoch weiche, in französischen Eichenfässern gereifte
Tropfen in der Winzergenosenschaft Viticoltori Associati di Vinchio-Vaglio
Serra. Diese Genossenschaft, der rund 230 Weinbauern angehören, verfügt
über eine Kellerei mit modernster Technologie; dies, um die "Potenzialität
der Trauben am besten ausschöpfen zu können", wie der Hochglanzprospekt
der Genossenschaft stolz festhält. Deren Präsident, Lorenzo
Giordano, im Nebenamt Bürgermeister von Vinehio und hauptamtlich
Winzer, bringt die Philosophie der Viticoltori Associati auf den Punkt:
"Wir setzen primär auf Qualität und nicht auf Quantität."
Schliesslich hat die Genossenschaft, so Giordano, für die Barbera-Produktion
landesweit einen der besten Önologen unter Vertrag. Dennoch stimmt
das Preis-Leistungs-Verhältnis: Für nur fünf Euro ist eine
Flasche Barbera zu haben.
Als Konkurrenz zu den entsprechenden Spitzengewächsen der bekanntesten
privaten Weingüter wird die Winzergenossenschaft im Oktober einen
Super Barbera namens Synthesis auf den Markt bringen.
Spaziergänge
mit Davide Lajolo
Vom höchsten Punkt des Val Sarmassa fuhrt der Blick bis in die Gegend
von Alessandria und nach Ligurien. Eine reiche Fauna und Flora sowie fossile
Schätze prägen dieses Naturreservat. Hier, in unmittelbarer
Nähe von Vinchio, kann man denn auch auf Naturpfadon wandern Allerdings
entsprechen die Wegweiser nicht immer den Anforderungen helvetischer Präzision.
Wenn aber Zeit und Musse vorhanden sind, lohnt sich mit Hilfe einer Karte
der zirka drei km lange Rund,Tang über die Ebene und durch den Wald,
beginnend beim Parkplatz Monte del Mare, vorbei am PicknickPlatz bei der
mächtigen Eiche "Ru".
Das Val Sarmassa war Davide Lajolos liebste Erde. Der Schriftsteller mochte
ausgedehnte Spaziergänge an heissen Sommertagen und in Voll mondnächtenn
den zirpenden Grillen lauschend. Der heute pensionierte Lehrer und Historiker
Franco Laiolo, welcher kürzlich eine Schrift über "Vinchio
und seine Einwohner" verfasst hat,- erzählt uns: "Weil
sich Davide Lajolo immer stark mit seiner Erde verbunden fühlte,
verweilte er häufig in Vinchio, auch als er in den Fünfzigerjahren
in Mailand Chefredaktor der Parteizeitung 'L'Unitä' war. Er musste
deshalb seine Leitartikel der Redaktionssekretärin per Telefon dik
tieren. Der einzige Telefonapparat des Dorfes war dann häufig stundenlang
besetzt."
Der Historiker beschreibt Davide Lajolo als ein erzählerisches Naturtalent,
der in seinen Büchern die Einwohner von Vinchio zu Protagonisten
machte. Seine Werke wurden zum Teil in diverse Sprachen übersetzt;
so auch die auf Deutsch unter dem Titel "Kadenz des Leidens"
erschienene Biograrie seines Freundes und Schriftstellerkollegen Cesare
Pavese (Originaltitel: "11 vizio assurdo".)
Ein Spaziergang durch Vinchio führt bei der Piazza Vercelli auf der
Scalinata Lajolo zu einem Aussichtspunkt. Dort offenbart sich ein herrlicher
Rundblick über das sanfte Grün des Monferrato. Auf der Piazza
Vercelli steht neben der etwas schummrigen Bar ein winziges Tante-Emma
Lädeli hier ist die Zeit wahrlich stehen geblieben. Das Toilettenpapier
holt die "Nonna" mit einem langen Greifstab hinunter, so hoch
sind die Regale.
Weiter führt uns der Weg vorbei am Geburtshaus des Schriftstellers
zum Friedhof-, praktisch jeder Zweite, der hier ruht, trägt den Namen
Lajolo (oder Laiolo). Bei Davide Lajolo verweilen wir länger, denn
die Aussage auf dem Grabstein bewegt: "Dignità nella vita'
serenità nella morte" (Würde im Leben - Gelassenheit
im Tod).
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